Erwin sass schockstarr in seinem Bett. Ein Geräusch, nein: eine ganze Geräuschkulisse hatte ihn geweckt; ein Schnarren und Schleifen, Klopfen und Murmeln. Der Lärm hielt an, und es tönte wie nichts, was Erwin kannte.
Am ehesten erinnerte es ihn an das Möbelrücken und Kistenzerren bei einem Umzug – aber einem sehr hektischen –, und die Beteiligten konnten keine Menschen sein, eher, und bei dem Gedanken zuckte er zusammen, Fabelwesen, Gnome, etwas aus der Harry-Potter-Welt.
Er sah sich um und probierte ein paar Gedanken aus, stellte sich zweidrei Wissensfragen, um sicherzugehen, dass er nicht träumte. Dann setzte er seine Füsse auf den Boden und erhob sich. Die Furcht im Nacken, näherte er sich zögerlich den Geräuschen, die vom Wohnzimmer herkamen. Er spähte ums Eck. Zipfelmützen; Knollennasen. Zwerge! Ein ganzes Heer Zwerge wuselte in seinem Wohnzimmer herum, das, so stellte Erwin fest, seinem Wohnzimmer auch gar nicht mehr besonders ähnlich sah. Da standen kleine Betten, ein langer, auffällig niedriger gedeckter Tisch – und Erwin erfasste mit einem Mal die Zahl, die sich seines Wohnzimmers bemächtigt hatte: Sieben. Sieben Betten, sieben Teller, sieben Gläser, sieben Gabeln.
«Die sieben Zwerge!», entfuhr es ihm, ehe er es verhindern konnte, und einer der sieben – während die anderen weitermachten, als wäre er nicht da – fuhr zu ihm herum. «Aber ja doch! Und du stehst da wie ein Ölgötze. Schneewittchen kann jederzeit hier sein, komm schon, pack an, am Ende bist du noch der Esel, der uns das alles eingebrockt hat!», fauchte der Zwerg Erwin an, mit schriller Stimme und feuchter Aussprache. «Was tut ihr, was eingebrockt, mein Wohnzimmer …», stammelte Erwin.
Seine Gedanken rasten. Gestern war seine Nichte zu Besuch gewesen, er hatte ihr aus dem grossen Märchenbuch vorgelesen. Hatte das Buch offen auf dem Salontisch liegengelassen, als sein Bruder geklingelt hatte, um die Kleine wieder abzuholen. Er schaute sich nach dem Tischchen um und sah es in der Ecke stehen, das Buch noch immer offen darauf. Entschlossen schritt er durch den Raum, unterwegs einen geschäftigen Zwerg anrempelnd, stürzte sich auf das Buch und schlug es zu. Stille.
Langsam drehte sich Erwin um. Der Tisch, die Bettchen, die Zwerge – alles weg. Einzig ein erdiger, etwas muffiger Geruch hing im Raum, und seine Möbel säumten die Wände. Erwin seufzte tief und liess sich in den Sessel sinken.

