Idefix

«Neeeeeeeein, Haaaaaaaaalt, auufhööören!» – Das Geschrei war ohrenbetäubend. Thomas liess die Axt sinken, schaute sich um. Auf dem Balkon stand Timon, panisch. Aha, sie war noch immer da, die Liebe zu den Bäumen. Von Anfang an hatte es diesen Knabe zutiefst empört, wenn er mitansehen musste, wie ein Baum gefällt wurde, egal, welche wahlweise vernünftige oder versucht-kinderlogische Begründung Erwachsene dafür angeführt hatten. Einen Baum zu fällen, das bedeutete Kummer, Protest, Drama.

«Warum fällst du den Baum?», fragte der Junge, nun bei Thomas im Garten, streitlustig. «Weil er Licht und Platz wegnimmt, und weil seine stacheligen Blätter euch Kinder in die nackten Füsse stechen», antwortete Thomas. Darauf Timon: «Aber es ist mein Lieblingsbaum, er darf nicht sterben!» Er stemmte sich die Fäuste in die Seiten.
Thomas seufzte, kratzte sich am Nacken. «Schau, wie viele andere Bäume noch im Garten stehen. Dieser ist sowieso ein Exot und gehört gar nicht hierher», versuchte es Thomas halbherzig, «er nimmt den Haseln und Erlen den Platz weg.» Timon wehrte sich: «Bäume sind aber auch Lebewesen! Oder willst du, dass dich einer einfach an den Knien umsägt?» – Und fügte nach kurzem Überlegen an: «Ist Abishak auch ein Exot, weil er in Pakistan geboren wurde? Willst du Abishak auch fällen?» – «Nein!», wird Thomas nun laut und verliert etwas an Fassung,  «natürlich will ich Abishak nicht fällen! Er ist ja auch ein Mensch, bei Menschen ist es anders. Komm wir gehen rauf. Ich brauche ein Bier».

Jahre später steht die Stechpalme noch immer im Garten, mit einer stattlichen Kerbe im Stamm, auf Kniehöhe. Abishak indessen macht eine Lehre im Kaufmännischen.