Baumgeheimnis

Der Standort ist typisch für eine alte, herrschaftliche Eiche: auf einem Hügel ausserhalb des Dorfs. Vor langer Zeit hat ein Tischlermeister sogar eine Sitzbank um ihren Stamm gezimmert. Wer hat sich hier nicht schon alles hergesetzt, zu zweit oder allein, ver­liebt oder vereinsamt, zum Heulen, Feiern oder Beten.

Die Eiche ist geduldig. Aber stoisch bleibt sie vor allem dank ihrer kleinen Fluchten aus dem Eichenalltag; ein Geheimnis, das sie sorgsam verwahrt, um Aufruhr zu vermeiden.

Wenn niemand hinschaut, absolut nur dann, lässt die Eiche ihre Äste etwas fallen, der Stamm drängt sich leicht zusammen, als ginge der ganze Baum in die Knie, und sie stösst sich kräftig vom Boden ab. Dann fliegt die Eiche hinauf und nimmt Kurs auf eine Wolke oder auf die Bergspitze, die sich sonst in ihrem Rücken verbirgt, oder sie fliegt drauflos ins Blaue. Sie ist schon weit herum­gekommen, und Sachen hat sie gesehen, mehr als die meisten Menschen. Vor allem aber schwebt sie, lässt sich treiben im Wind und ist frei.

Natürlich kann das nie lange so gehen, denn ir­gendwann reckt jemand den Kopf zum Himmel oder blickt zum Eichenhügel – und würde sich sehr wundern oder vor Schreck gar einen Herzschlag erleiden ob dem, was er zu sehen krieg­te. Das will die Eiche freilich nicht.

Sie spürt im Geäst oder auch im Stammesinnersten, so genau lässt sich das nicht sagen, wenn so ein Blick bevorsteht. Viel schneller, als jedes menschliche Auge es wahrnehmen könnte, nimmt sie dann ihren Platz auf dem Hügel ein, versenkt die Wurzeln unter dem Bänklein und schickt ihr Keu­chen der Anstrengung tief ins Erdreich hinab, sodass nur sie selbst es noch hören kann.